China – Ein Land von Einzelkindern?!

Vielen in Europa ist gar nicht bewusst, dass China bereits vor 3 Jahren die Ein-Kind-Politik aufgehoben und somit Paaren erlaubt hat ein zweites Kind zu bekommen. Doch:

 

Warum wurde die Ein-Kind-Politik überhaupt eingeführt?

Während jahrhundertelang das Bevölkerungswachstum durch Kriege, landesweite Hungersnöte und Naturkatastrophen „kontrolliert“ wurde, kam es durch das starke Wirtschaftswachstum Mitte des 20. Jahrhunderts auch zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum. Aus Angst China könne die Versorgung der Bevölkerung nicht bewerkstelligen und um auch gleichzeitig Ressourcen zu schonen, wurde vor rund 40 Jahren die Ein-Kind-Politik eingeführt. Dadurch wurde es Familien nicht mehr gestattet mehr als ein Kind zu bekommen. Anders als in den Städten wo das Gesetz vehement durchgesetzt wurde – bei Verstößen wurden Geldstrafen verhängt bzw. teilweise sogar erzwungene Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt – wurden im ländlichen Bereich in bestimmten Fällen Ausnahmen gemacht. War das erste Kind einer Bauernfamilie ein Mädchen, durften die Eltern ein zweites Kind bekommen.

 

Welche Folgen hat(te) die Ein-Kind-Politik?

Nicht nur dass es dadurch zur Entstehung einer Generation von Einzelkindern gekommen ist, die wenig Sozialkompetenz entwickelt hat, so war das Hauptproblem eine Veralterung der Gesellschaft. Dies war auch der Hauptgrund warum die Regierung 2015 die Ein-Kind-Politik wieder aufgehoben hat. Denn hätte man dies nicht umgesetzt wäre die Zahl der Pensionisten immer weiter angestiegen, während die junge (und vor allem arbeitsfähige) Bevölkerungsschicht immer weiter zurück gegangen wäre. Somit würde China in seinem wirtschaftlichen Aufschwung gebremst.

 

Ein weiteres Problem welches dadurch entstanden ist und das nun vor allem die männliche Bevölkerungsschicht im Alter von 20-30 Jahren betrifft, ist der Mangel an heiratsfähigen Junggesellinnen. Die konfuzianische Tradition – die männliche Linie zu erhalten – führte dazu, dass weibliche Embryonen abgetrieben bzw. im schlimmsten Fall weibliche Neugeborene getötet wurden. Gerade im ländlichen Bereich war ein Junge „wertvoller“ als ein Mädchen, da die Erhaltung des Hofs mit starker körperlicher Arbeit verbunden war.

Die chinesische Regierung versuchte die Abtreibungen durch das Verbot der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschalluntersuchungen zu unterbinden. Doch wie überall gilt auch in China „Geld regiert die Welt“ und wohlsituierten Familien fanden teilweise dennoch Wege das Geschlecht ihres Ungeborenen bestimmen zu lassen.

Konnte man sich das nicht leisten, wurde anders Abhilfe geschafft. Entweder durch die bereits genannte Art und Weise oder durch die Abgabe des Kindes. Man kann sich vorstellen wie es in chinesischen Waisenhäusern wohl ausgesehen hat…. Traurigerweise hat auch der Menschenhandel hiervon profitiert.

Um auf das Problem des Frauen-Mangels zurück zu kommen: derzeit leben in China anscheinend ca. 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Nach wie vor hat die Heirat in China einen hohen Stellenwert und durch den Männerüberschuss entstehen nicht nur soziale Probleme wie Vereinsamung und gesellschaftlicher Ausschluss – welcher wiederum in steigenden Alkohol- und Drogenkonsum sowie erhöhte Prostitution resultiert. Auch wirtschaftliche Auswirkungen z.B.: auf den Arbeitsmarkt sind zu erwarten.

Wie man sieht sind die Folgen – obwohl nur beispielhaft aufgezählt – weitreichend.

 

Wie beeinflusst dies alles unseren Aufenthalt?

Was mich ehrlich gesagt schon schockiert hat, ist wie selbst-orientiert sich Chinesen im Alltag bewegen. Das fängt beim Auto- und Mopedfahren an (egal ob aus einer Parklücke oder aus einer Seitenstraße, es wird einfach mal rausgefahren, so nach dem Motto „Achtung hier komme ich“), über Tür aufhalten in einem Geschäft und geht bis hin zum Sitzplatz in der U-Bahn. Ich habe zum Beispiel in Shanghai noch keinen jungen Einheimischen gesehen, der seinen Platz einer älteren Person angeboten hat. Etwas das ich von meinen Eltern noch als selbstverständlich eingetrichtert bekommen habe.

Natürlich hat das auch damit zu tun, dass sie in ihr Handy vertieft nur sehr wenig von ihrer Umwelt mitbekommen (wirklich unvorstellbar dass nicht mehr passiert wenn man wie ferngesteuert durch die Gegend läuft; etwas das leider auch bei uns zu Hause immer mehr wird). Für mich sind das aber unter anderem Zeichen für die Auswirkungen der Ein-Kind-Politik. Durch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern und Großeltern und das ständige Verhätscheln sowie Verwöhnen entsteht schon sehr bald – verständlicherweise – ein gewisses Maß an Egoismus. Ohne Geschwister lernt man nur schwer zu teilen oder Rücksicht auf jemand anderen zu nehmen. Und entsprechend bewegen sie sich auch im öffentlichen Leben.

Das sind Dinge die wir vor allem in unserer Freizeit mitbekommen. Ich könnte z.B.: ausflippen wenn sich in der Schlange am Bahnhof wieder mal jemand vordrängt oder der Nachbar einfach über zwei Parkplätze parkt. Das alles passiert total selbstverständlich und wenn man dann etwas sagt, erntet man als Erstes mal einen verständnislosen bzw. ungläubigen Blick. Wir als Ausländer haben hier einen gewissen Bonus und der, der am Anfang noch versucht hatte sich in die Warteschlange zu schummeln, stellt sich dann doch hinten an.

Ich habe auch schon manchmal gesehen, dass jemand im Supermarkt oder auf der Straße Abfall einfach auf den Boden wirft – ein paar Schritte weiter eine Reinigungskraft die das dann wieder aufheben muss. Wahrscheinlich ist auch das eine Gewohnheit die nicht von ungefähr kommt, da zu Hause auch immer jemand ist der hinter einem herräumt.

 

Ich möchte jetzt nicht alle in eine Schublade stecken, denn das wäre nicht richtig. Ich denke auch nicht dass es die Schuld des Einzelnen ist, denn – aufgewachsen in der Generation Einzelkind – haben sie es nicht anders mitbekommen und handeln sicher nicht böswillig.

Teilweise habe ich mich mit chinesischen Arbeitskollegen darüber unterhalten die diese Entwicklung ebenfalls skeptisch betrachten. Gemeinsam haben wir uns gefragt wie es auf Dauer mit einer ganzen Gesellschaft weitergeht, wenn sich diese Einstellung nicht ändert und mehr als Gemeinschaft und nicht als Einzelkämpfer gehandelt wird. Gerade für China mit einer derart großen Einwohneranzahl wäre dies ein unglaublich großes Potential und könnte das Land extrem weiterbringen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass wir in Europa/Österreich ebenso aufpassen müssen, dass der derzeit herrschende Wohlstand nicht auch in Egoismus resultiert. Denn durch die zunehmende Digitalisierung werden auch bei uns teilweise soziale Kontakte vernachlässigt. Somit handelt es sich meiner Meinung nach nicht nur um ein Problem das in China besteht, sondern generell Wohlstandsgesellschaften betrifft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.